Faschismus

Antonio Tabucchi: Piazza d´Italia

'tabucchi' von Corto

Durch "Erklärt Pereira" ist mir Antonio Tabucchi vor einigen Jahren das erste mal begegnet (nebenbei: es gibt eine sehr gute Verfilmung, wer sie noch nicht kennt - lohnt sich).
Piazza d´Italia stammt aus den Anfängen des politischen Autors Tabucchi, und ist 1975 in Italien erschienen. Der Roman behandelt die Geschichte einer toscanischen Familie über mehrere Jahrzehnte bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Piazza d´Italia in Borgia beherbergt ein Denkmal:

Die Kapelle nahm Aufstellung, die Musiker konnten es kaum noch erwarten anzufangen. Fräulein Cecchini stieg von der Tribüne herab, Arm in Arm mit dem Herrn mit der Goldbrille, und überquerte die erwartungsvoll schweigende Piazza. Das Band wurde durchgeschnitten, und das Laken glitt wie ein Kleidungsstück zu Boden, die Leute klatschten, und die Kapelle begann die Hymne zu spielen.
Plinio gefiel das neue Denkmal viel besser: Ein Soldat mit vom Wind zerzausten Haaren und einem Säbel an der Hüfte reichte einem majestetischen Herrn mit gezwirbeltem Bart ein kleines Mädchen. Das Mädchen streckte fröhlich die Arme aus, und auf der Schärpe über ihrer Brust stand ihr Name: Italien.
"Wer ist das", fragte Plinio und zog seinen Vater am Ärmel.
"Das ist Garibaldi, der Italien dem König übergibt".
"Und wer ist Garibaldi?"
"Der Herr der beiden Welten."
"Und wer ist der König?"
"Der neue Herr."

Im folgenden wird das Mädchen mehrfach einem neuen Herrn übergeben, diese Seite des Denkmals stellt den Duce dar und schließlich die Demokratie.

Giorgio Bassani: Die Brille mit dem Goldrand

Bereits 1958 erschien meine neueste Entdeckung in Turin. Wagenbach verlegt nun die Übersetzung. Aus gutem Grund. Ich bin nach der Lektüre ernsthaft beeindruckt.
Die Geschichte spielt sich während des Faschismus in Ferrara ab. Doktor Fadigati ist anerkanntes Mitglied der besseren Gesellschaft. Alles tadellos, von der Mitgliedschaft bei den Faschisten über das Bildungsgehabe und auch die Kasse stimmt.
Nur: Fadigati ist nicht verheiratet. Auch ist nichts bekannt über ein oder mehrere Verhältnisse zu Frauen die nicht seinem Stand entsprechen und die er daher nicht heiraten kann. Statt dessen hält er sich auffallend gerne in Gesellschaft junger Männer auf, Soldaten und Studenten. All dies würde ihm verziehen, hätte er sich nicht in einen Sportstudenten verliebt der ihn gründlichst demütigt und bloßstellt. Dies ist unverzeihlich, Fadigati fällt. Tief.
Das Bändchen behandelt eine Gesellschaft die schon ohne diese Eskalation absolut ekelhaft wäre. Komplett wird das Grauen durch den Ich-Erzähler der Geschichte, einen jüdischen Studenten. Bassani behandelt also auch den Umgang der besseren Gesellschaft mit der Einführung der italienischen Rassengesetze.
Der Autor bedient sich dazu einer sehr einfachen Sprache, das Bild ergibt sich aus zahllosen Andeutungen. Es ist vor allem eine Stimmung, die er transportiert, weniger eine genaue Zusammenstellung der Ereignisse. Äußerst fesselnd.

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